Die Nutella-Kindheit ist abgefrühstückt
Über die Zonenkinder des Westens
Veröffentlicht in der Leipziger Stadtzeitschrift Kreuzer im März 2003
Man stelle sich vor, man habe in einer fernen Zukunft als Zivildienstleistender Florian Illies und seine Kollegen zu betreuen: “Damals hat das Raider noch wirklich nach Raider geschmeckt, das weiß ich wie heute (hust)” “Wasserpistolen aus echtem Plastik, so was wird heute gar nicht mehr gemacht (röchel, pfeif)” “Junger Mann, wo ist mein Playmo!” So zumindest ist es zu befürchten, wenn man sieht, wie sehr einige der um 1970 geborenen Autoren sich schon in jungen Jahren dem melancholischen Abfeiern ihrer BRD-Kindheit verschrieben haben.
Uns in den späten Siebzigerjahren Geborenen ist dieser stilisierte Westschmerz zwar nicht fremd, aber auch kein zentrales Lebensgefühl. Bücher wie “Generation Golf” haben wir mehr oder weniger gern gelesen, selber schreiben würden wir sie hingegen nicht: Im Gegensatz zu der Nudossibrot-Kindheit, ist die Nutellabrot-Kindheit erst mal abgefrühstückt. Wir hatten das Glück, dass wir uns nicht unsere ganze Pubertät hindurch in der erstarrten BRD der Achtziger Jahre langweilen mussten, wir genossen dort nur eine relativ geborgene Kindheit. Als wir anfingen, erwachsen zu werden, erschien Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft, sagte “Wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass ihre Ausreise…” und die Politik rührte uns zum ersten Mal zu Tränen. Wir waren Dreizehn und wunderten uns über uns selbst. Politik? Das war eben so neu, wenn auch nicht ganz so aufregend, wie Sex. Dann fiel die Mauer und plötzlich spielten nicht nur wir verrückt, sondern um uns herum zwei ganze Staaten! Als wir die ersten Küsse tauschten, lagen sich Ossis und Wessis in den Armen, unsere ersten Klassenpartys fielen in die Zeit der großen deutsch-deutschen Alkoholbegegnungen von Rotkäppchen und Söhnlein, Warsteiner und Wernesgrüner – als wir unseren ersten Liebeskummer hatten, kamen die Katerstimmung und die Massenentlassungen nach der Währungsunion. Zeitgleich mit seinem Land erwachsen zu werden, ist eine spannende Sache.
Nicht nur in diesem Sinne wurde uns, mit den Worten Helmut Kohls, “die Gnade der späten Geburt” zuteil. Hinzu kommt, dass wir uns nicht rechtfertigen müssen, warum wir in der Wendezeit nicht sofort in unseren Golf gesprungen und rübergefahren sind. Die 1970er müssen sich fragen lassen, wo sie Sylvester 89/90 waren, als die Massen am Brandenburger Tor die Nationalhymne entweder sangen oder auspfiffen. Wo wir waren, ist klar: Wir waren zuhause, wir mussten zur Schule, wir haben Computer gespielt. Wir waren dreizehn und durften das. Wer allerdings mit 19 auch zuhause war, muss schon einen markentheoretischen Diskurs um die Unterschiede der Tintenfüller von geha und Pelikan anzetteln, damit seine Gleichgültigkeit nicht vollkommen armselig wirkt.
Als wir dann mit Pubertieren und der Schule fertig waren, hatte die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze begonnen, in großem Stil Weststudenten nach Ostdeutschland zu schicken, viele andere gingen freiwillig. Ob wir uns dabei nicht aus unseren sanierten Innenstadtghettos heraustrauten oder heiß waren auf Geschichten über EOS, HO, FDJ und nebenbei lernten, wie man einen Badeofen befeuert, ist erst mal egal. Es zählt die Tatsache, dass wir einer der ersten Jahrgänge waren, der zu einem Teil wiedervereinigt gelebt hat. Dabei merkten wir, dass die Altersgenossen aus dem Osten uns nicht völlig fremd waren. Während der identitätsstiftenden Pubertätsjahre haben wir bereits im selben Staat gelebt, uns verbinden einige Jahre gemeinsamer Erlebnisse in den sich rasant angleichenden Jugendkulturen. Und wie unsere Altersgenossen Ost haben auch wir von allem etwas abgekriegt: Ein bisschen geborgene Kindheit, ein bisschen Wendeenthusiasmus, ein bisschen Desillusionierung und ein bisschen gelebte Wiedervereinigung. So werden wir es im Altersheim erzählen. Man schenke uns Zivis, die höflich zuhören und sich vielleicht sogar interessieren für diese Senioren da, die ersten, die in einem wiedervereinigten Deutschland erwachsen wurden.