Echt? Bei mir genauso

Brittas neue Platte “Lichtjahre voraus”
Veröffentlicht im Tagesspiegel am 2. September 2003 im

Aus Liebesbeschwerden, Zweisamkeitskritik und dem Gefühl, dass auch alles andere, was noch in Ordnung scheint, nicht in Ordnung ist, wurden schon oft hervorragende Platten gemacht. Jetzt ist dieses mit “Lichtjahre voraus” der ehemaligen Lassie-Singerin Christiane Rösinger und Britta gelungen: Vier Frauen aus Berlin, die sich für das Cover um eine lederne Sitzgruppe vor einer Palme gruppiert haben und eine Rockband bilden.

Nun ist mit Frauen allein noch kein Staat zu machen und erst recht nicht mit Berlin. Aber mit Rock! Insbesondere mit Rock von Britta. Energische Gitarren und fast schon stadiontaugliche Refrains prallen da auf Worte wie Säuglingspflege, Abtreibungen, Auslandsaufenthalte oder Bundesjugendspiele, die die Musik abklären, herunterkühlen und ihr einen eigentümlichen Charme verleihen. “Wir sind nicht bei Rock am Ring / Und wir sind nicht bei Rock am See / Wir wollen da gar nicht hin, / Und es tut auch nicht mehr weh” heißt es in dem Titellied des Albums.

Warum soll man lange drum herum reden: Britta ist eine erwachsene Band. Hier spielen Frauen, die sich ihr Selbstverständnis nicht erst noch beim Zwölf-Uhr-Frühstück in Friedrichshainer Wohngemeinschaften errauchen müssen. Frauen, deren Leben weiter gegangen ist, Frauen, die ein paar mehr Berliner Winter durchlebt haben und sich schon ein paar Jahre länger von Ex-Fastfreund zu Fast-Exfreund hangeln. Gleich das erste Lied, “Fragen”, ist gewissermaßen Destillat jahrelanger Date-Erfahrungen: “Was isst du gerne, wo kommst du her? / Wie viele Geschwister, gibt´s da noch mehr? / Deine letzte Freundin? / Echt? Bei mir genauso, / Macht mir überhaupt nichts / Ich bin sogar froh”, später dann: “Wenn alles gefragt ist, alles gesagt ist, / Ist alles getan / Dann machen wir Schluss / Und beim Nächsten / Fängts wieder von vorne an.” Texte wie aus dem wirklichen Liebesleben also. Mit der hibbeligen Bissigkeit der Lassie Singers (”Ich suche einen Riegel, der mir schmeckt”) hat das nur noch wenig zu tun.

Unter dem Buchstaben B in einem Indie-Plattenladen sind Blumfeld und Britta durch nicht viel mehr als Phillip Boa, Billy Bragg und die Bright Eyes getrennt. Doch obwohl beide Bands auch gelegentlich gemeinsam auftreten, gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Blumfelds Texte und Musik sind immer auch diskurstaugliches Spiel mit Zitaten und Komplexitäten; mischen Lebensnähe und stiliserte Verkopftheit. Die Texte von Britta sind zwar nachdenklich, aber nie grüblerisch. Britta bleiben konkret, ihre Bilder und Gedanken gehen nie so weit, dass sie Theorie werden. Auch die Musik ist einheitlicher, weicher und außerdem – das zweite Wort, um das man nicht drum herum reden sollte: weiblicher. Britta rockt zwar, aber grölt nicht. Britta dröhnt nicht und lässt niemals die Verstärker heulen.

Natürlich haben Britta auch ihre aktuelle Platte selbst produziert und auf ihrem hauseigenem Label “Flittchen Records” veröffentlicht. Der Klang des Albums hat dadurch dieselbe authentische Heimeligkeit bekommen wie sein Vorgänger “kollektion gold”. Als hätte man die Musik bei den Musikerinnen im Wohnzimmer aufgenommen, besitzt “Lichtjahre voraus” jene nonchalante Schrammeligkeit, die seit einigen Jahren Lo-Fi heißt. Keineswegs eine aufwendig produzierte Schrammeligkeit also, wie beispielsweise bei den Strokes, sondern eine unprätentiöse, im besten Sinn des Wortes selbstgemachte Schrammeligkeit, die so gut zu den verschroben schillernden Texten von Christiane Rösinger passt.

Eine zentrale Stellung in diesen Texten nimmt ein Thema ein: Die Pärchenlüge. Pärchen, nie findet man ein anderes Wort dafür, beschäftigen Rösinger mindestens seit ihrer Zeit mit den Lassie Singers. Damals hieß es noch direkt und empört: “Pärchen müssen leider draußen bleiben”, heute klingt es abgeklärter: “Wir taten was wir konnten / Und es konnte doch nicht sein / Es fängt mit L an und wir fielen darauf rein” in dem Lied “L****”, dessen Text ein Beispiel dafür ist, wie schön angriffslustige Gitarrenriffs sich mit einem traurigen Text zu einem melancholerischen Ganzen zusammenfinden können.

Ausgerechnet “Wie ein Smith Song” heißt ironischerweise das einzige Lied, das positive Worte zur Liebe findet: “Denn manchmal sind wir so wie ein Smith Song / Manchmal wie Lou Reed, Perfect day / Manchmal ein Musical und / Manchmal auch gar nichts / Aber was auch ist es ist immer ok”. So verneigen sich auch Britta vor den großen alten Helden aus England und zwar genau wie in den letzten Jahren Tomte (”Wilhelm, das war nichts”) oder Farin Urlaub (”Und immer, wenn wir traurig waren [...] dann hörten wir die Smiths”) nicht mit einer Coverversion, sondern mit einer Hommage, die kaum mehr ist als eine Anspielung, die Andeutung einer Haltung.

Die einzige wirkliche Coverversion des Albums ist “Wir müssen hier raus” von Ton Steine Scherben. Daran, wie nahtlos sie sich in den Klang des Albums einfügt, wird deutlich, wo die musikalischen Wurzeln von Britta liegen. Wie Tränengasschwaden ziehen da Erinnerungen aus den 70er Jahren vorbei und man kommt unweigerlich ins Nachdenken darüber, wie die Dinge einmal waren, darüber, wie sie jetzt sind und warum um Himmelswillen alles so gekommen ist. Doch es ist halt so wie es ist. Und ein Glück gibt es auf “Lichtjahre voraus” auch Lieder, wo die Musik so ist, als würde man die Welt durch einen Angora-Pullover betrachten; wo alles unscharf ist und trüb, aber auch weich, warm und in bester Ordnung: “Und wenn der feige Nieselregen auf mich fällt / Und wenn der Ostwind wieder weht / Wenn die alten grauen Nebel zu uns zieh´n / Weiß ich was ich an dir hab, Berlin.” Lieder wie diese Berlin-Ballade “Es ist nicht immer leicht” machen Lust auf den Herbst.

Der Schriftsteller David Wagner bestreitet den einzigen Gastauftritt auf dem sonst sehr homogenen Album. Basierend auf einer seiner Erzählungen schrieb er den Text zu “Was alles fehlt” und singt sogar mit. Es ist das letzte Lied und taugt vielleicht sogar als Motto für diese ganze wunderbare Platte: “Was alles fehlt” und der Rock, den man sich darauf macht. (c) Kristof Magnusson