“Ihr Dichter, schreibt! Wir wollens lesen”

Die Textdichter Johann Sebastian Bachs
Veröffentlicht in: Gewandhausmagazin, Nr. 26, Frühjahr 2000.

Bachs Kompositionen scheinen zeitlos gültig, die von ihm verwendeten Texte dagegen längst veraltet. Dabei waren sie ihm so wichtig, dass ihnen gerade in diesem Jahr eine vorurteilsfreie Betrachtung zuteil werden sollte.

»Entgleisungen, Plattheiten, Schwulst und ähnliches«: Worte, die man in Verbindung mit Johann Sebastian Bach nicht sehr häufig liest. Sie stammen aus den 1920er Jahren, aus einem Buch von Oskar Beyer und beziehen sich auf die Texte, die Bach für seine Kantaten und Passionen verwendet hat. Beyer befindet sich mit seiner Einschätzung in bester Gesellschaft. Auch Albert Schweitzer, einer der bekanntesten Biographen des Komponisten, hält die meisten Texte für »mühsam aus Bibel- und Gesangbuchreminiszenzen zusammengestückelt«.

Das Misstrauen gegenüber den Bachschen Texten ist fast so alt wie die Bewunderung für seine Musik. »Das gröste Hinderniß in unserer Zeit liegt freilich in den ganz verruchten deutschen Kirchentexten«, schrieb schon 1827 Carl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Singakademie, die bei der Wiederentdeckung Bachs im 19. Jahrhundert eine führende Rolle spielte. Auch wenn sich in den letzten Jahren einige Wissenschaftler genauer mit den Texten beschäftigt haben, hat sich die Skepsis bei so manchem Bach-Fan bis heute gehalten. Verse wie »Meinen Aussatz, meine Beulen / Kann kein Kraut noch Pflaster heilen« (Aus der Kantate »Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe«) wirken in ihrer drastischen, übertriebenen Bildhaftigkeit einfach befremdlich. Es ist das Schicksal der Sprache, dass sie die Dinge genau benennen muss, wirklich »beim Wort« genommen wird und daher schneller veraltet. Bachs Musik hingegen kann heute noch genauso unmittelbar auf die menschliche Seele wirken wie vor fast 300 Jahren.

Sicherlich sind die meisten Texte auch einfach nicht so gelungen wie Bachs Musik, denn Genies waren seine Dichter bestimmt nicht. Wer aber versucht, einen vorurteilsfreien Blick auf die Texte zu werfen, wird mit vielen interessanten Einblicken in Bachs Zeit und sogar einigen wirklich schönen Versen belohnt.

Johann Sebastian Bach selber waren seine Texte durchaus wichtig. Für seine Motetten, Passionen, Oratorien und mehr als 200 Kantaten war er so sehr auf das Wort angewiesen wie kaum ein Komponist nach ihm, wobei er hauptsächlich drei Arten von Texten verwendete: Zum ersten Bibeltexte in der Übersetzung Martin Luthers; zum zweiten Kirchenliedtexte aus den Gesangbüchern, wobei er besonders die Dichtungen von Paul Gerhard (»Ich steh an deiner Krippen hier«, »O Haupt voll Blut und Wunden«) schätzte; und zum dritten freie Dichtung, wobei Bach die Werke verschiedener Librettisten vertonte, wenn er nicht, wie aufgrund der oft unbekannten Herkunft der Texte vermutet wird, sogar selbst dichtete. Im Folgenden sollen zunächst einige der Textdichter, die für Bach in den Leipziger Jahren wichtig waren, vorgestellt und dann ausgewählte Texte aus der Matthäus-Passion und aus der sogenannten »Bauernkantate« genauer betrachtet werden.

I. Die Textdichter

J. C. Gottsched
Leipzig muss in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts eine der interessantesten Städte Deutschlands gewesen sein. Die Messen und der florierende Buchhandel brachten dem Bürgertum nicht nur schnell wachsenden Reichtum und Prachtbauten wie die Alte Börse oder das Romanushaus, sie bildeten auch die Grundlage für ein vielfältiges kulturelles Leben. So wundert es nicht, dass fast zur gleichen Zeit so bedeutende Persönlichkeiten wie Johann Sebastian Bach oder Johann Christoph Gottsched nach »Klein-Paris« kamen, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Welten. Der Komponist zog 1723 aus dem anhaltinischen Köthen an die Pleiße, um sich beruflich zu verbessern. Der 15 Jahre jüngere Gottsched (1700 bis 1766) hatte gerade in Königsberg sein Studium beendet und floh 1724 vor den Werbern des Soldatenkönigs. Auch ihre Kunstauffassungen hätten kaum gegensätzlicher sein können. Während der Barock in der Musik mit Vivaldi, Telemann, Bach und Händel in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erst seinen Höhepunkt erreichte, begann in der Philosophie und Literatur bereits die Aufklärung. Ihr Vorkämpfer Gottsched, der wohl erste deutsche »Literaturpapst«, zog gegen die überschwängliche Bilderwelt, den »Schwulst« des Spätbarock zu Felde und forderte einen nüchternen, die Vernunft nicht störenden Stil. So war er, auch wenn er Bachs Musik schätzte, ein entschiedener Gegner der für den Komponisten so wichtigen Kirchenliedtexte.

Zum Tod von Kurfürstin Christiane Eberhardine, der überaus populären Ehefrau Augusts des Starken, vertonte Bach Gottscheds Trauerode »Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl«, in der deutlich wird, dass Gottsched mit den üppigen Bildern der Barockdichtung gebrochen hat. Am Schluss der Ode heißt es:

»Doch, Königin! du stirbest nicht,
Man weiß, was man an dir besessen;
Die Nachwelt wird dich nicht vergessen,
Bis dieser Weltbau einst zerbricht.
Ihr Dichter, schreibt! wir wollens lesen:
Sie ist der Tugend Eigentum,
Der Untertanen Lust und Ruhm,
der Königinnen Preis gewesen.«

Auch wenn sich in den Text von »Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl« gelegentlich noch Metaphern wie »Der Ewigkeit saphirnes Haus« verirren, scheint er im Vergleich zu anderen Kantatentexten schlicht; Albert Schweitzer schrieb: »korrekt, aber ohne jede Tiefe und Poesie«.

C. M. von Ziegler
Während sich aber zwischen Bach und Gottsched nie eine regelmäßige Zusammenarbeit entwickelte, trat eine Dichterin aus Gottscheds Umfeld in engere Kooperation mit dem Komponisten: In dem 1728 erschienenen Gedichtband »Versuch in Gebundener Schreib-Art« von Christiane Mariane von Ziegler (1695 bis 1760) finden sich die Texte zu neun von Bach vertonten Kantaten. Die Tochter des Leipziger Bürgermeisters Romanus steht mit ihren Dichtungen Gottscheds aufklärerischer Kunstauffassung nah. Auch sie verzichtet meist auf üppige Metaphern zugunsten der sprachlich schönen, aber schnörkellosen Darstellung einer erbaulichen Botschaft, wie beispielsweise in der Kantate »Also hat Gott die Welt geliebt«:

»Mein gläubiges Herze,
Frohlocke, sing, scherze,
Dein Jesus ist da!
Weg Jammer, weg Klagen,
Ich will euch nur sagen:
Mein Jesus ist nah.«

Alfred Dürr weist in seinem Buch »Die Kantaten von Johann Sebastian Bach« darauf hin, dass der Komponist den ursprünglichen Wortlaut der Dichtung veränderte, um ihn besser vertonen zu können. So ersetzte Bach das im Urtext vorgesehene »Weg Kummer und Plagen« durch die klanglichen Begriffe »Weg Jammer, weg Klagen«, und wo von Ziegler im Original »Frohlocke und scherze« dichtete, vertonte Bach statt dem nichtssagenden »und« das lebendigere »sing«.

G. C. Lehms
Georg Christian Lehms (1684 bis 1717) ist eine Entdeckung der neueren Bachforschung. Dass er am Hofe des Darmstädter Fürsten als ausgezeichneter Dichter galt, war bekannt, und sein Lexikon »Teutschlands galante Poetinnen«, eines der ersten Nachschlagewerke über Dichterinnen, wird heute noch in ausführlicheren Literaturgeschichten erwähnt. Dass sein Ruhm allerdings bis zu Bach gedrungen war und dieser zuerst in Weimar, dann später in Leipzig Kantatentexte von ihm vertont hatte, wurde erst 1970 von Elisabeth Noack ermittelt.

Lehms’ Dichtungen zeichnen sich im Gegensatz zu denen Gottscheds und von Zieglers noch durch eine kräftige, spätbarocke Bildersprache aus. Die noch im 17. Jahrhundert so beliebten, bis zur Schieflage hoch aufgetürmten Metaphern finden sich aber auch bei ihm nur selten. Wenn er sie verwendet, dann allerdings nach dem Motto »Wennschon, dennschon«, wie folgendes Beispiel aus der Kantate »Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust« zeigt:

»Die Welt, das Sündenhaus,
bricht nur in Höllenlieder aus
und sucht durch Hass und Neid
des Satans Bild an sich zu tragen,
ihr Mund ist voller Ottergift,
der oft die Unschuld tödlich trifft,
und will allein von Racha, Racha sagen.«

Kein Wunder, dass Lehms in Gottscheds Schmähschriften heftig angegriffen wurde. Um so interessanter jedoch sind seine Dialog-Kantaten, Zwiegespräche zwischen einer gläubigen Seele und »ihrem« Jesus, in denen es weniger um theologische Korrektheit, sondern um gefühlvolle Darstellung geht, wie hier in »Selig ist der Mann«:

»[Seele:]
Ach! süßes Liebespfand,
Du kannst die Feinde stürzen
Und ihren Grimm verkürzen.
[Jesus:]
Ja, ja, ich kann die Feinde schlagen,
Die dich nur stets bei mir verklagen,
Drum fasse dich, bedrängter Geist.
Bedrängter Geist, hör auf zu weinen,
Die Sonne wird noch helle scheinen,
Die dir itzt Kummerwolken weist.
In meiner Schoß liegt Ruh und Leben,
Dies will ich dir einst ewig geben.
[Seele:]
Ach! Jesu, wär ich schon bei dir,
Ach striche mir
Der Wind schon über Gruft und Grab,
So könnt ich alle Not besiegen.
Wohl denen, die ihm Sarge liegen«.

C. F. Henrici
Auch Christian Friedrich Henrici alias Picander (1700 bis 1764), der von Bach am häufigsten vertonte Textdichter, bediente sich wie Lehms einer kraftvollen Bildersprache, was auch bei ihm zu einer Reihe von Fehden mit Gottsched führte. Dass Henrici mit dem vernunftorientierten Gottsched oder der Bürgermeistertochter Mariane von Ziegler wenig gemeinsam hatte, zeigt sich schon an seiner Biographie:

Genau wie Bach und Gottsched kam auch er Anfang der 1720er Jahre nach Leipzig, führte dort jedoch ein unstetes Leben, arbeitete als Privatlehrer, bei der Post und schließlich als »Weininspektor« und »Trank-Steuereinnehmer«. Seinen Künstlernamen Picander verdankte er angeblich der Tatsache, dass er 1722 einen Bauern angeschossen hatte, der gerade das Nest einer Elster (lateinisch: pica) ausnehmen wollte. Auch im literarischen Leben galt Henrici nicht gerade als feiner Mann: Neben Hunderten von Hochzeitsgedichten machte er vor allem durch derb-laszive Lustspiele wie »Die Weiberprobe« oder »Der Erzsäufer« von sich reden. Man vermutet, dass er sich der geistlichen Dichtung nicht freiwillig zuwendete, sondern entweder aus Geldsorgen oder um seinen Ruf in der bürgerlichen Gesellschaft zu verbessern. Es gibt allerdings auch Argumente, die für diesen eigentümlichen Poeten sprechen: Am aussagekräftigsten dürfte wohl das Titelblatt der Partitur der Matthäus-Passion sein, auf dem Bach, der sonst nie seine Librettisten erwähnte, in sauber kalligraphierten Buchstaben schrieb: »Poesia per Dominum Henrici alias Picander dictus«.

II. Die Matthäus-Passion

»Kommt, ihr Töchter …«
Das Libretto der Matthäus-Passion ist, modern gesagt, eine Collage, in der sich alle drei der oben aufgeführten Textarten wieder finden: erstens Bibeltext, der uns von einem Evangelisten in Rezitativen erzählt wird; zweitens Kirchenliedtexte, die das Geschehen, meistens aus der Sichtweise einer imaginären Gemeinde, kommentieren; und schließlich von Henrici gedichtete Arien und Rezitative, in denen Solisten oder manchmal der Chor die Leidensgeschichte Jesu betrachten und dem Hörer »bey besondern erbaulichen Gelegenheiten« die Möglichkeit geben, das Geschehene auf sich wirken zu lassen.

Henrici beginnt die Matthäus-Passion mit den Worten: »Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!« Im Gegensatz zum statischen Anfang der Johannes-Passion (»Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!«) schafft Picander vom ersten Wort an eine bewegte, dramatische Atmosphäre. Imperative (»Kommt«, »Sehet«) versetzen den Hörer direkt ins damalige Jerusalem, und er wird Zeuge einer Unterhaltung zwischen der »Tochter Zion« (bei Bach Chor I) und den Gläubigen (Chor II): »Sehet«, beginnt der erste Chor, sogleich vom zweiten Chor fragend unterbrochen: »Wen?«, worauf der erste Chor antwortet: »den Bräutigam,« und fortfährt: »Seht ihn« – wieder vom anderen Chor unterbrochen: »Wie?« – »als wie ein Lamm!«

Sobald in dem Frage- und Antwortspiel der beiden Chöre das erste wichtige christliche Symbol, das »Lamm«, erwähnt wird, fügt Picander mit der deutschen Version des Agnus Dei eine zweite Ebene hinzu: »O Lamm Gottes, unschuldig / Am Stamm des Kreuzes geschlachtet«. Der Choraltext legt sich über das Gespräch der beiden Chöre, nimmt das Motiv des Lamms auf und erzählt bereits etwas über dessen Schicksal.

Nächstes »Leitmotiv« ist die Geduld: »Sehet,« – abermals die Zwischenfrage des zweiten Chores: »Was?« – »seht die Geduld!« Und wieder legt sich der Choral über das Geschehen: »Allzeit erfunden geduldig, / Wiewohl du warest verachtet.« Es fällt auf, dass der Choral im Gegensatz zu dem Zwiegespräch der Chöre in der Vergangenheit steht. Dem aktuellen Geschehen wird also durch die Choralstrophe ein interpretierender, predigtähnlicher Kommentar zur Seite gestellt. Emil Platen, der sich in seinem Buch »Die Matthäuspassion« intensiv mit dem Text auseinandersetzt, schreibt hierzu: »Es entsteht der Eindruck, als erlebe man nach der Nahaufnahme eines Szenenausschnitts plötzlich das Gesamtbild eines Passionsaltars, auf dem sämtliche Ereignisse der Leidensgeschichte gleichzeitig dargestellt sind und bei entsprechender Distanz überschaubar werden, wobei ganz oben als Ziel [...] das Kreuz auf Golgatha zu erkennen ist.«

»Da nun Jesus war zu Bethanien …«
Da in der Matthäuspassion ständig zwischen Bibeltext, Kirchenlied und Henricis Dichtung hin und hergesprungen werden muss, finden sich solche Perspektivenwechsel häufig. Dabei muss der Gegensatz zwischen Luthers schlichter Sprache und Henricis Dichtung immer wieder überbrückt werden, wie z. B. bei der Darstellung der Salbung zu Bethanien: Zuerst berichtet der Evangelist im nüchternen Luther-Ton: »Da nun Jesus war zu Bethanien, im Hause Simonis des Aussätzigen, trat zu ihm ein Weib, die hatte ein Glas mit köstlichem Wasser und goss es auf sein Haupt«. Die Jünger beklagen diese Wasserverschwendung in einem kurzen, erregten Choreinschub, und Jesus sagt: »Was bekümmert ihr das Weib? Sie hat ein gut Werk an mir getan.« Jetzt könnte sofort die Arie »Buß und Reu / Knirscht das Sündenherz entzwei« folgen, die mit den Worten »Dass die Tropfen meiner Zähren / Angenehme Spezerei, / Treuer Jesu, dir gebären« sehr emotional und persönlich über die vorangegangene Szene meditiert, doch das käme sehr plötzlich. Mit folgendem Alt-Rezitativ gelingt Picander ein subtiler Übergang:

»Du lieber Heiland du,
Wenn deine Jünger töricht streiten,
Dass dieses fromme Weib
Mit Salben deinen Leib
Zum Grabe will bereiten,
So lasse mir inzwischen zu,
Von meiner Augen Tränenflüssen
Ein Wasser auf dein Haupt zu gießen!«

Am Anfang bleibt dieses Rezitativ noch recht nah am Bibeltext, erzählt praktisch denselben Vorfall wie der Evangelist, wenn auch in Gedichtform. Wie Emil Platen schreibt, wird erst in der sechsten Zeile (»So lasse mir inzwischen zu«) die Wende vom Tatsachenbericht zur persönlichen Betrachtung vollzogen.

Verse wie »Buß und Reu / Knirscht das Sündenherz entzwei« kommen uns heute altertümlich überladen vor. Im Vergleich zu der immerhin von Händel und Telemann vertonten Passionsdichtung des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes (»Heul, du Schaum der Menschenkinder, / winsle, wilder Sündenknecht! / Tränenwasser ist zu schlecht; / weine Blut, verstockter Sünder!«) wirkt die Picandersche Sprache allerdings geradezu schlicht.

»Da nahmen die Kriegsknechte …«
Wenn es in der Handlung dramatischer wird, werden auch solche Perspektivwechsel schneller. Als die Kriegsknechte Jesus die Dornenkrone aufsetzen und ihn schlagen, endet der Evangelist seine Beschreibung mit den Worten: »und schlugen damit sein Haupt«. Das Stichwort »Haupt« wird sofort von einem Paul-Gerhard-Choral aufgenommen, der den Übergang von der neutral berichtenden zur meditativ betrachtenden Ebene abrupt vollzieht:

»O Haupt voll Blut und Wunden,
Voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zu Spott gebunden
Mit einer Dornenkron,
O Haupt, sonst schön gezieret
Mit höchster Ehr und Zier,
Jetzt aber hoch schimpfieret,
Gegrüßet seist du mir!«

»Am Abend, da es kühle war …«
Die wohl schönste Dichtung Picanders findet sich erst kurz vor dem Ende der Matthäus-Passion, wenn in einem Rezitativ die Abendstimmung vor Christi Grablegung beschrieben wird. Jesus ist tot, das Leiden vorbei, und auch in die Sprache ist eine friedlich-gedämpfte Ruhe eingekehrt:

»Am Abend, da es kühle war,
Ward Adams Fallen offenbar;
Am Abend drücket ihn der Heiland nieder.
Am Abend kam die Taube wieder
Und trug ein Ölblatt in dem Munde.
O schöne Zeit! O Abendstunde!«

Als Kontrast zu dieser besten geistlichen Dichtung, die Picander je vollbracht hatte, nun zum Abschluss noch ein Blick auf den Text zu einer Bach-Kantate, in der Henrici seine Neigung zur Possenreißerei einmal ausleben konnte.

III. Die Bauernkantate

Für einen Gutsbesitzer in Kleinzschocher entstand 1742 die Huldigungskantante »Mer hahn en neue Oberkeet«. Thema ist das obersächsische Landleben:

»Mer hahn en neue Oberkeet
An unsern Kammerherrn
Ha gibt uns Bier, das steigt ins Heet,
Das ist der klare Kern.«

Nach diesem Eingangschor singt ein Bass: »Nu, Mieke, gib dein Guschel immer her«, und die folgende Arie gerät zu einer rustikalen Betrachtung ländlichen (Liebes-)Lebens:

«Ach, es schmeckt doch gar zu gut,
Wenn ein Paar recht freundlich tut;
Ei, da braust es in dem Ranzen,
Als wenn eitel Flöh und Wanzen
Und ein tolles Wespenheer
Miteinander zänkisch wär.«

Neben der genialen Musik können die Texte bei Bach natürlich nur eine Nebenrolle spielen. Aber obwohl seine Dichter keine großen Künstler waren, haben sie doch ihr Handwerk verstanden. So können wir aus ihren Texten noch heute viel über die Bachsche Zeit und die Kunst an der Schwelle vom Barock zur Aufklärung erfahren. Dabei amüsieren sie mal mit derber Weltlichkeit und können uns sogar manchmal noch durch ihre Schönheit bewegen. Eines aber tun sie immer: Sie ermöglichen uns einen neuen Blick auf Bachs Musik und ihre Vielfalt – von »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen« bis »Ach, es schmeckt doch gar zu gut, wenn ein Paar recht freundlich tut«.

© Kristof Magnusson

Veröffentlicht in: Gewandhausmagazin, Nr. 26, Frühjahr 2000.