Zuhause – Rezensionen/Presse

SZ-Magazin, DIE ZEIT, DIE WELT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gala, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung, NZZ am Sonntag, Kultur SPIEGEL, Brigitte, STERN, Tagesspiegel, NEON, Siegessäule, taz

SZ-Magazin vom 26.08.2005: “Nachwuchs“

Als 1993 das kleine Island Björk in die Welt hinausschickte, hatte die Sängerin ein verschrobenes Bild ihrer Heimat im Gepäck, es handelte von Elfen und Geysiren und Menschen, die ein bisschen irre sind wie Björk selbst. Dieses Bild wird nun korrigiert: Anstelle des märchenhaften Island zeigt uns der halb deutsche, halb isländische Schriftsteller Kristof Magnusson, 29, nun das alltägliche: Auch in Reykjavik fahren die Menschen in schrecklichen alten Saabs rum, schimpfen über die Globalisierung, werden von Liebhabern verlassen und reden über ihr Leben etwas klüger, als man ihnen eigentlich zutraut. Magnusson hat einen überraschenden Roman geschrieben – nicht nur was Island betrifft. Zudem ist es sein erster, er heißt Zuhause, und erscheint jetzt im Verlag Antje Kunstmann.

Philipp Oehmke

DIE ZEIT vom 6.10.2005:

“Schluss mit den ewigen Elfen!“

Kristof Magnusson hat einen intelligenten und amüsanten Roman geschrieben: “Zuhause”

Über Island weiß man wenig, aber dies mit Bestimmtheit: Es sprudeln dort heiße Quellen aus dem Erdboden; es herrschen fragwürdig extreme Beleuchtungsverhältnisse; und die wpsm-Rate (writer per square meter) ist höher als in jedem anderenLand der Welt, was den Rest der Bevölkerung aber nicht daran hindert, Popmusik zu fabrizieren, wobei die berühmteste Protagonistin aufgrund eines rätselhaften, über den Musikjournalismus verhängten Fluches stets als “Pop-Elfe” apostrophiert werden muss. Was man bislang nicht wusste, ist, dass man all dieses Wissen einer gewissen Matilda verdankt: Sie arbeitet für das isländische Fremdenverkehrsamt, weiß immer, wo der nächste Wasserfall ist und verfügt über einen verlässlichen Vorrat an Björk-Anekdoten.Außerdem ist sie die Freundin, oder vielleicht besser: der Lebensmensch von Larus (dessen Nachname für deutsche Schriftensätzenicht geeignet ist). Larus lebt eigentlich im Hamburger Stadtteil Tornesch, wollte Weihnachten in Reykjavík eigentlich gemeinsammit seinem Freund Milan verbringen, der ihn aber eigentlich kurz darauf verlassen hat – was Larus Matilda aber erst gesteht, als die beiden bereits in der Ankunftshalle des Flughafens stehen, um Milan abzuholen. Das ist insofern peinlich, als Laruskurz davor noch Matilda die Leviten gelesen hat, weil sie sich von Svend getrennt hat, ohne ihm gegenüber davon ein Wort darüberzu verlieren. Svend war Matildas dritte von Larus vermittelte Liebe – wohlhabend und trotzdem nett; aus gutem Hause und trotzdem kein Spießer; trinkfest und trotzdem kein Säufer; “lieb und trotzdem cool”. Zu viel für Matilda: “Er ist alles, was ich mir immer gewünscht habe. Alles gleichzeitig!” Larus’ Hunger nach Harmonie ist unstillbar. Alle sollen es gut haben. Und zwar für immer. Überflüssig zu sagen, dass Zuhause, der erste Roman des in Hamburg geborenen Halb-Isländers Kristof Magnusson (Jahrgang 1976), von diesem Zustand weit entfernt ist: Dauerhaftes Glück ist ein denkbar schlechter Stoff für Romane. Schon auf der ersten Seite schlägt Magnusson eine melancholische Note an, die auch von dem beachtlichen komischen Potenzial dieses Buches nie ganz übertönt wird und bis zum Schluss anhält: “Langsam begann ich mir einzugestehen, dass auch dieses Jahr, das bisher schönste in meinem Leben, zu Ende gehen würde.” Nächte in der Disco, Überlandpartien mit dem Auto, WG-Gequatsche, viel Zigaretten, viel Alkohol, viel Popmusik. Die Ingredienzien sind bekannt und fixer Bestandteil Tausender von Büchern, in denen Twenty- und Thirtysomethings darob desparat werden, dass”Alle Tage Party” kein Programm für die Ewigkeit ist. Dieses Setting findet man auch in Zuhause wieder, und doch ragtMagnussons Debüt aus der popliterarischen Massenproduktion heraus wie ein Song von Belle & Sebastian aus dem matten Mainstreamgedudel. Das hat mit der Genauigkeit der narrativen Konstruktion, mit der Subtilität der Figurenzeichnung und der Sorgfalt inder Entwicklung von Motiven, das hat aber vor allem mit der Sprache, mit dem Sound des Romans zu tun, der die Selbstgenügsamkeit, mit der sich die Protagonisten ihren eigenen Stimmungen überlassen, mit großer stilistischer Sicherheit vermittelt.

Wenn es eine Vogeluniversität gäbe, was würden die Zeisige studieren?

Eine großzügig dosierte Ironie, die hier weder zur Schnoddrigkeit noch zur Immunisierungsstrategie verkommt, bewahrt den Roman davor, ins Sentimentale abzustürzen, ohne dass dadurch dessen sanft schwermütiger Grundgestus suspendiert würde. Man lasse sich von dem, was auf den ersten Blick vielleicht einen Tick zu effektsicher, pointiert oder gar putzig daherkommt, nicht täuschen:Bei genauerem Hinsehen zeigen sich feine Haarrisse in der polierten Oberfläche des Romans, die sich jederzeit verbreitern können. Nirgends wird das deutlicher als in den oft seitenlangen Dialogen. Wie hier Menschen, die in unterschiedlichem Maße aus der Spur und von der Rolle sind, aneinander vorbeireden, wie sie einander ins Leere oder auflaufen lassen, das ist außerordentlich genau und gut gearbeitet. Hier hat jemand mehr als nur seine Hausaufgaben gemacht (unter anderem am Leipziger Literaturinstitut),und dass Magnusson bislang – mit Stücken wie Männerhort oder Der totale Kick – vor allem auf dem Theater reüssiert hat, ist angesichts seiner Souveränität im Umgang mit der direkten Rede leicht nachvollziehbar. Dass Zuhause dennoch nicht als vollkommen geglückt gelten kann, liegt an dem schließlich sogar in Richtung Krimi abdriftenden Familienmelodram, das über die Figur von Larus’ Schulfreund Dagur ins Rollen gebracht wird. Dagur stammt aus einer (einfluss)reichen Industriellendynastie, deren – in seinen Augen – schier unbegrenzte Macht sich aus der isländischen Mythologie speist: Die Benediktssons sollen Nachfahren von Egill Skallagrímsson sein, dem sagenumwobenen Bauernhäuptling aus dem neunten nachchristlichen Jahrhundert, dessen von Snorri Sturluson aufgezeichnete Vita offenbar zum Grundschulwissen jedesIsländers gehört. Der Plot um die vermeintliche Familienverschwörung, die anscheinend bis tief in die Biografie von Dagurs Kurzzeit-Lover Larusreicht, bürdet dem bis dahin leichtfüßigen Roman Ballast auf, an dem er schwer zu tragen hat. Gewiss, auch das ist alles sehr bedacht entwickelt und hat, wie wir den Unterhaltungen in Matildas Wohngemeinschaft entnehmen können, mit gewichtigen Fragen nachAutorenschaft und Authentizität und dem literarischen Kern aller Genealogie zu tun, aber irgendwie hätte man das doch ganz gerneinem der Dutzend interdisziplinären Kolloquien mit poststrukturalistisch aufgekratzten Diplomanden überlassen. Magnussons Roman hingegen entnehmen wir sehr gern den Hinweis auf die akademischen Geneigtheiten der Birkenzeisige: “Mit ihren empört verplusterten Köpfen und der roten Strähne im Kopfgefieder sahen sie aus, als würden sie, wenn es denn eine Vogeluniversität gäbe, gender studies studieren.” Und wir sind ihm unendlich dankbar für seinen mit Verve vorgebrachten Versuch, den Elfenthematisierungszwang in Sachen Island vielleicht doch noch, wo nicht zu unterbinden, so doch zumindest einzudämmen: “›Bevor auf Island eine Straße gebaut wird, muss ein staatlicher Elfenbeauftragter herausfinden, ob da auch keine Elfenwohnen. Sonst wird die Straße drumherum gebaut‹, sagte Raphael. Ich wusste nicht, ob er zu Matilda sprach oder zu mir, die wir seit Jahren mit der Angst lebten, von Ausländern auf das Elfenthema angesprochen zu werden. In diesem Sinn waren Elfen fürIsländer das, was für die Deutschen die Nazis waren. Mit dem Unterschied, dass es in Deutschland kaum Menschen gab, die behaupteten, kleine Horden androgyner SA-Männer schwebten in ihrem Garten herum und böten bei bestimmten häuslichen Verrichtungen ihre Hilfe an.” Trotz des ein oder anderen Umwegs legt man das Buch am Ende doch in der Gewissheit aus der Hand, das Debüt eines sehr vielversprechenden Erzählers gelesen zu haben und in dem Verdacht, dass dieser Roman mit einem noch gar nicht fertig ist.

Klaus Nüchtern

DIE WELT vom 12.11.2005:

“Island einmal andersrum“

Kristof Magnussons Romandebüt “Zuhause” ist der Zauber der Saison

Heteros hatten wir hier ja nun 2000 Jahre lang. Homos sind auch nicht mehr gerade taufrisch. Zumal sie sich irgendwie dauernd vermehren. Auch aus vergangenen Jahrhunderten tauchen ja ständig neue auf. Richtig mal was Neues waren eine Weile die Metrosexuellen. Die kamen vor etwa fünf Jahren auf. Das waren diese Typen, die sich die Nägel lackieren, in perlendem Falsett lachen – und trotzdem wundersamerweise mit Frauen schlafen. Sollen aber auch schon wieder out sein.

Wie könnte man denn noch so auf zeitgemäße Weise Mann sein? Schlag nach bei Magnusson. Da gibt’s einen Helden, der schwul ist, aber im Grunde nur seine Buddelkasten-Freundin liebt. Wäre da nicht, ganz am Anfang der Geschichte, jene verräterische Szene, wo Held Larus, in Vorfreude auf eine Nacht voller Seligkeit, Barbara Streisand einfällt -, man könnte denken, dieser junge Deutsch-Isländer bilde sich sein Schwulsein einfach nur ein. Aber folgender Satz schafft Klarheit: “Und während ich langsam, Schritt für Schritt, die Treppe hinunterstieg, sang ich leise vor mich hin: There’s no business like show business.” Na, Gott sei Dank! Gewisse Essentials stimmen auch bei denen unter dreißig noch: Gebt Schwulen eine Treppe; die richtige Nummer ziehen sie dann schon von ganz allein ab…

Die richtige Nummer, die richtig große Nummer kommt in diesem Romandebüt, dem meistbeachteten dieses Herbstes, wie man ohne Übertreibung sagen darf, am Ende allerdings auch vor. Es ist ein großer krimi-familiengeschichtlich-islandsagamäßiger Showdown. Blut fließt, Tränen der Wut werden geweint, Messer in Hände gestochen, und einen Toten dürfen wir gleichfalls beklagen.

Dagur heißt der zornige junge Mann. Sprößling der reichsten und zugleich ältesten Familie des Landes ist er. Zerstören will er den Famlienmythos und am liebsten gleich auch seine Familie noch dazu – und zerstört doch am Ende lediglich sich selbst, und um ein Haar hätte er seinen zeitweiligen Lover Larus, von dem sich nachher herausstellt, daß er sein Vetter ist, dabei auch noch mit in den Tod gerissen.

Aber es ist nicht der zugegebenermaßen spannende detektivische Anteil, der “Zuhause” zum Zauber der Saison macht. Es ist ohnehin nicht der Inhalt dieses Romans, der im vorweihnachtlichen Reykjavik beginnt und am letzten Tag des Jahres in Hamburg endet. Es ist vielmehr der Ton, es sind die Dialoge, die den Charme des Buches ausmachen, einen Charme, der von Witz und Schlagfertigkeit lebt, aber auch von einer ganz unsentimentalen, unterschwelligen Zärtlichkeit, die das Treiben jener Twenty-Somethings überglänzt, die hier im Fluß des Lebens schwimmen lernen. Allerdings läßt sie der Autor vielleicht ein bißchen zu oft abtauchen in ihre Rituale des Erwachsenwerdens und wieder auftauchen aus vielen Kneipen-, Disco- und anderen Räuschen, damit sie jeden verkaterten Morgen aufs neue festzustellen, daß es die Lust am Abenteuer ist und auch die Sehnsucht nach Verläßlichkeit, was ihrem Dasein Reiz und Rhythmus verleiht. “Erwachsen werden war wie nach Australien fahren”, heißt es dann aber wieder hübsch poetisch an einer Stelle, “man wußte, wie die Känguruhs aussahen, aber man konnte sich trotzdem nicht vorstellen, wie es sein würde, einem gegenüber zu stehen. Milan und ich hatten uns oft vorgestellt, wie es wohl sein würde in der Welt der Geld verdienenden Menschen, die sich richtige Möbel kauften und abends zu Hause blieben. Wir hatten uns auf Australien gefreut.”

Mit Milan, der ihn kurz vor Weihnachten verläßt, kann Larus dann doch nicht, wie vorgehabt, Weihnachten feiern und erwachsen werden. Aber Matilda, jene Buddelkastenfreundin, für die Larus gern die Liebhaber aussucht und auf die er für seine Verhältnisse richtig sauer werden kann, wenn sie sich seiner Fürsorglichkeit entzieht und etwa einem der von ihm “handgecasteten” Freunde, ohne Larus vorher zu fragen, den Laufpaß gibt, Matilda also ist eben vielleicht doch die bessere Kopilotin.

Matilda und Larus, sie bilden das geheime Zentrum dieses Buches. Sie haben eine der eigenwillig-widerborstigsten Freundschaften, die man in letzter Zeit hat Literatur werden sehen. So unauslotbar geheimnisvoll wie das Leben selbst (oder doch: wie es sich darbietet, wenn man noch mit großen Augen davor steht und darauf blickt). Die ganze Dynamik von Wohltunwollen, Mißverstandenwerden und wieder Aufeinanderfliegen spielen die beiden Protagonisten vor den Augen des amüsierten Lesers durch, der ihre Katzbalgereien nicht ohne Rührung nachvollzieht und genießt.

So neuartig, so originell und anderserotisch der Autor diesen Paarlauf von Matilda und Larus inszeniert, so frisch und unausgetreten sind auch die Pfade, die er sie durch Reykjavik schlagen läßt, ein Reykjavik, das sehr viel mehr vom Großstadtdschungel hat, als unsere Island-Stereotypen es nahelegen würden. Hier wird vielmehr ein Island entworfen, das ohne die üblichen Ingredienzien wie Geysire und Elfen auskommt – oder besser gesagt, das dieselben nur als ironische Versatzstücke aufnimmt, wie auch die Literatur der Edda und Thule-Sagas zwar vorkommt, aber als Teil einer ganz und gar künstlichen Setzung.

Island wird von Kristof Magnusson sämtlicher Archaik entkleidet und ins Urbane aufgelöst. Es bildet auf diese Weise die angemessene Kulisse für eine Jugend in der globalisierten Welt, für die ja alles Überkommene, Altvordere, mag es 50, mag es 500 Jahre alt sein, als Urväterhaushalt wirken muß, den jeder selber zu entrümpeln hat, bevor er sich die “richtigen Möbel” daraus aussucht, mit denen er dann sein Leben ausstaffieren kann.

Entscheidend dabei ist, daß er selber wählt, daß er selbst die Rollenmodelle findet, nach denen er den Reigen tanzt, der sein Lebens sein wird. Das Modell des “Wie schon die Alten sungen” wird jedenfalls klar verworfen, wie man an Magnussons Darstellung von Dagurs Familie sieht. Doch um Larus, Matilda und all die anderen muß uns nicht bange sein. Sie straucheln noch, aber sie kommen voran. Und wenn sie eine Treppe hinabschreiten müssen, wissen sie auch, was sie zu tun haben: Spielen!

Tilman Krause

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.08.2005:

“Der innere Geysir“

Isländische Wurzelbehandlung: Kristof Magnussons Romandebüt

Dies gleich vorweg: Ich war noch nie in Island. Oder sagt man: “auf Island”? Da fängt es schon an. Island war eben einfach nie ein Thema. Nicht in privater Hinsicht und auch nicht in der deutschen Gegenwartsliteratur. Rom ja, Florenz, ah, oder gleich griechische Inseln, Orient oder auch Kuba, der ganze warme südliche Wallungsraum eben. Um nach Reykjavik zu fahren, muß man schon besondere Gründe haben. Jaroslawa etwa ist Vulkanologin. In ihrer Heimat, der Slowakei, gibt es keine Vulkane. Deswegen ist sie hier. Raphael wiederum, der sich “dj differance” nennt, schätzt den Sinn fürs Experiment. In seiner Heimat, Frankreich, gibt es kein Publikum: “Die Leute in Paris wollen immer nur etwas, wozu man sich so bummbumm an Frauen reiben kann.” Deswegen ist er hier.

Larus aus Hamburg ist hier, weil er hier geboren ist, was vielleicht der dämlichste Grund ist, um in Island zu sein. Denn eigentlich müßte ja jeder junge Mensch froh sein, wenn er dort rauskommt (oder sagt man: “von dort runter”?). Der Dokumentarfilmer, der mit neun Jahren nach dem Tod seiner Mutter mit dem Vater nach Norddeutschland zog, wollte eigentlich nach Island fahren, um mit seinem Lebensgefährten Milan, seiner Sandkastenfreundin Matilda und deren Freund Weihnachten zu feiern. Doch schrumpft das Quartett gewissermaßen über Nacht zu einem recht disharmonischen Duo: Matilda hat ihre Beziehung beendet – sehr zu Larus’ Ärger, der sich aus alter Verbundenheit als ihr Berater in Liebesdingen sieht; Larus selbst, waidwund vor Liebeskummer, wurde gerade von seinem Freund verlassen. Seine Reise trägt den Charakter einer Flucht.

Der 1976 in Hamburg geborene Kristof Magnusson wählte für seinen Debütroman einen geschickt beiläufigen Einstieg, der den Leser in das Alltags- und Nachtleben eines Landes einweist, dessen Mischung aus Weltläufigkeit und verschrobener Provinzialität gewisse Reize hat – auch wenn Larus seiner Freundin einmal vorrechnet, daß er als Homosexueller bei einer Gesamtzahl von knapp 140000 isländischen Männern rein statistisch keine Chance hat, einen passenden Partner zu finden. Da Larus sein Elend im Exzeß ertränken will, erscheint der Roman zunächst wie eine ins Nordmeer verlegte Variante von Benjamin von Stuckrad-Barres “Soloalbum” – jedenfalls in seiner durch sympathische Selbstironie und Sarkasmus überspielten Melancholie. Auch dies ist ein Buch für Verlassene und seine beträchtliche Komik keine selbstzweckhafte Witzelei auf Kosten eines wehrlosen Randvölkchens, sondern eher ein ähnlich preisgünstiger Trostspender wie der Alkohol, den man hier neben Ikea im staatlichen Geschäft kartonweise kauft.

Es wäre jedoch ein Mißverständnis, Magnussons Buch wegen der zahlreichen popkulturellen Referenzen – der Erzähler hat ständig (englische oder finnische) Liedzeilen im Ohr – als exotisch camouflierten Poproman einzusortieren. Ungefähr bis zur Hälfte ist es vor allem die Geschichte einer gescheiterten Liebe – die Homosexualität des Erzählers ist dabei so selbstverständlich, daß sie gar nicht thematisiert werden muß. Larus betreibt selbst literarische Trauerarbeit, indem er seine Erinnerungen an glücklichere Tage niederschreibt, um sie einer in Zürich ansässigen “Gesellschaft für Liebeskranke” zu übersenden. Gleichzeitig, quasi zur Ablenkung, beginnt er eine Affäre mit seinem alten Schulkameraden Dagur, der als schwarzes Schaf eines mächtigen Industriellenclans zum steineschleudernden Globalisierungsgegner geworden ist. So cool manche Leute im Club auch daherkommen, in ihrem Innern brodelt nicht selten ein Geysir.

An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine unerwartete – und insgesamt auch unbekömmliche – Wendung: Dagur nämlich ist besessen von der Geschichte seiner Familie, die ihre Geschichte bis in die Zeit der norwegischen Landnahme Ende des ersten Jahrtausends zurückverfolgen kann. Eine zentrale Rolle in dieser mythischen Genealogie spielt die berühmte altisländische Saga von Egil Skallagrimsson, die die Familie als Ahnengeschichte vereinnahmt, um ihre nationale Vorrangstellung historisch zu legitimieren. Dagur, psychisch hochgradig labil und von Selbsthaß zerfressen, glaubt, einem sorgsam gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Das problematische Verhältnis mit Larus eskaliert; doch als Dagur schließlich mit seinem Auto in den Tod rast, beginnt der nun doppelt Trauernde, sich ernsthaft mit Dagurs Verschwörungstheorien zu befassen und eigene Nachforschungen über das Familienimperium anzustellen – bis hin zum Einbruch in die Industriellenvilla.

In dem Maße, in dem sich der Roman zu einem Krimi mit genretypischen Elementen verengt, weitet er sich zu einer allegorischen Abrechnung mit der isländischen Abstammungsmanie und damit verbundenen nationalen Mythen. Die zunächst leichtfüßige und ironische Geschichte lädt sich damit Gewichte auf, die ihre Konstruktion kaum tragen kann: Wenn am Ende Larus’ Suche nach den eigenen Wurzeln mit der Recherche nach häßlichen Flecken der Familienlegende zusammenfällt, wird die Chronik einer Lebenskrise doch sehr in das Prokrustesbett des Plots gepreßt – und außerdem beträchtlich in die Länge gezogen, denn der dramatische Höhepunkt der Handlung ist bereits in der Mitte des Buchs erreicht. Beiläufige Details, die man anfangs fast überlas, entpuppen sich im weiteren Fortgang als Teilchen eines großen isländischen Epenpuzzles, in dem keine Lücken bleiben. Zufälle muß man in diesem Land offenbar mindestens so lange suchen wie den passenden Lebensgefährten. Dieses insgesamt bemerkenswerte Debüt hält so leider am Ende nicht ganz, was es am Anfang gerade durch sein Understatement verspricht.

Richard Kämmerlings

Gala vom 08.09.2005:

“Zuhause”

Weihnachten hat etwas gegen Lárus. Trotzdem ist er jedes Jahr guten Mutes – bevor doch wieder alles schiefgeht. Durch Zufall kommt er dann auch noch einem streng gehütetem Familiengeheimnis auf die Spur… Mit bezaubernden Dialogen ist Kristof Magnusson eine Mischung aus Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga gelungen, die einen spannenden, elfenlosen Blick auf Island bietet. Ein Buch voller wunderschöner Sätze, die man sich anstreichen möchte, weil sie so wahr sind.

Frankfurter Rundschau vom 27.08.2005:

„Ein Licht, das niemals ausgeht”

Island ohne Elfen und ohne Björk, dafür mit vielen Knochenbrüchen: Kristof Magnussons rasantes Debüt “Zuhause”

Wie unterhaltsam darf Literatur sein? Oder anders: Bis zu welchem Unterhaltsamkeitsgrad geht ein Text noch als Literatur durch? Solche Fragen diskutierte die Jury der diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt angesichts von Kristof Magnussons Lesung aus seinem Debütroman Zuhause. Heiterkeit, so hieß es, sei kein Kriterium für literarische Qualität. Der Stilwille fehle. Und: Da müsse noch was kommen. Die Zuhörer im ORF-Theater amüsierten sich zwar, Magnusson jedoch, Jahrgang 1976 und Absolvent des nicht unumstrittenen Leipziger Literaturinstituts, fuhr ohne Preis wieder ab; erstaunlicherweise ging noch nicht einmal der Publikumspreis an ihn; nun ist der Roman im Handel und man kann selbst überprüfen, ob da noch was hätte kommen müssen.

Es beginnt mit einer quasi routinemäßigen Rückkehr. Nur dass in diesem Jahr alles anders ist. Lárus Lúdvígson, Ende zwanzig, schwul, beziehungsgestört und -geschädigt, im Kindesalter nach dem Tod der Mutter mit dem Vater von Island nach Deutschland ausgewandert, fliegt kurz vor Weihnachten nach Reykjävík, um dort mit seinem Freund Milan, seiner Kindheitsfreundin Matilda und deren Freund Svend das Fest zu verbringen. Allerdings hat Milan sich gerade von Lárus getrennt, der nicht weiß, warum. Das wiederum weiß Matilda noch nicht. Matilda hat sich gerade von Svend getrennt, weil er ihr zu perfekt ist mit seinen Plänen und seinen Segeltörns. Davon hat Lárus keine Ahnung. Keine sehr originelle Konstellation. Aber es kommt ja wie stets drauf an, was man draus macht. Man isst Träume auf Parkplätzen und fragt sich, wo das ist: “Zuhause”

Es geht zunächst um nicht sehr viel. Zunächst weiß man nicht, ob es überhaupt um etwas gehen wird. Man beobachtet Matilda und Lárus beim Essen von “Träumen”, mit Schokolade überzogenen Lakritzstangen, auf irgendwelchen vereisten Parkplätzen. Man hört ihren Gesprächen zu, darüber, was und wo denn nun dieses Zuhause sei, von dem alle reden, der Zollbeamte ebenso wie die “Visa”-Kreditkartenwerbung. Und darüber, was es bedeutet, erwachsen zu sein (das wissen beide nicht, obwohl beide glauben, dass es an der Zeit wäre). Man liegt als Leser auf der Lauer und wartet, dass etwas geschieht, was diese Melancholie der isländischen Weihnachtstage aufbricht, die hier zum Lebensprinzip zu werden droht. Aber während man darauf wartet, langweilt man sich wenigstens nicht. Und dann nimmt Zuhause ziemlich rasch Fahrt auf, was nicht zuletzt daran liegt, dass Magnusson ein guter Dialogschreiber und zudem mit einer außergewöhnlichen Komik ausgestattet ist.

Allein schon, wie er mit unseren Island-Elfen-Klischees aufräumt, ist unbedingt lesenswert: “In diesem Sinn waren Elfen für Isländer das, was für die Deutschen die Nazis waren. Mit dem Unterschied, dass es in Deutschland kaum Menschen gab, die behaupten, kleine Horden androgyner SA-Männer schwebten in ihrem Garten herum und böten bei bestimmten häuslichen Verrichtungen ihre Hilfe an. Auch fand es im Ausland niemand besonders niedlich, wenn man behauptete, die Felswohnungen bestimmter Obersturmbannführer würden Bauprojekte verhindern. Wenn man als Isländer nicht auf Elfen angesprochen wurde, dann auf Björk, wobei Björk in den Augen der Welt längst als Elfe galt.” Das ist ungeheuer lustig und kommt ohne jene vermeintlich feinsinnige Dezenz und auch Diffusität aus, die zur Zeit literarisch in Mode sind in der jungen deutschsprachigen Literatur (und gerade in Klagenfurt, wo es in diesem Jahr vor handwerklich passablen Stil-Diffusitäten nur so wimmelte).

Magnussons Prosa hat eine comicähnliche Rasanz: Wie oft Lárus mit diversen Knochenbrüchen und Verstümmelungen im Krankenhaus landet, lässt sich am Ende gar nicht mehr zählen. Es kommt wirklich eine Menge zusammen: In der Videothek verweigert man ihm die Ausleihe, weil er offiziell tot ist, ein eifersüchtiger französischer Experimentier-DJ schlägt ihm die Haustür kaputt (und nicht nur die), ein junger Mann namens Dagur, Sohn eines steinreichen und mächtigen Moguls, rettet zunächst seine Habseligkeiten aus einem brennenden Haus, um nicht sehr viel später mit seinem Van zu den Klängen von The Smiths’ “There is a light that never goes out” in den örtlichen Pizza Hut zu rasen und seinem Leben ein Ende zu setzen (aus enttäuschter Liebe zu Lárus, vielleicht). Der wiederum stürzt bei Dagurs Beerdigung mitsamt seinen Krücken ins noch geöffnete Grab (oder wird gestoßen); es gibt Verfolgungsjagden, Einbrüche, durchgeknallte Künstler, das Stammcafé inclusive seltsamer Bekanntschaften und schlussendlich auch ein düsteres Familiengeheimnis, das der Grund für all diese Vorkommnisse ist, was sich aber erst spät herausstellt – ein im Übrigen arg konstruiert wirkender Showdown.

Die Geschichte der unglücklichen Liebe auf einem Busfahrplan

Und nebenher schreibt Lárus auf einem zerknitterten Busfahrplan seine unglückliche Geschichte mit Milan auf, um sie, so der Plan, dereinst an eine ominöse “Gesellschaft der Liebeskranken” nach Zürich zu schicken. Und bei der Lektüre dieser Aufzeichnungen muss man unweigerlich feststellen, dass Lárus ein ganz schön komischer Kauz ist. Mit viel Drive wird all das erzählt, und noch schöner wäre es, wenn Magnusson dabei auf alberne Effekthaschereien verzichtet hätte: “Ich überlegte, ob ich ihn trotzdem fragen sollte, wie ich hierher gekommen war, da fragte er mich: ,Wie bist du eigentlich hierher gekommen?’” Allerspätestens beim dritten Mal innerhalb weniger Seiten verliert ein Einfall dieser Art seinen ohnehin nur geringen Reiz.

Sonderlich ernst geht es bei all der Drastik der Ereignisse nie zu. Das allerdings ist schon ein Problem. Denn wenn alles, auch Gefühle und Ereignisse von möglicherweise existenzieller Bedeutung, auf der immergleichen sprachlichen Ebene verhandelt werden, in einem Tonfall augenzwinkernder Selbstironie, wenn über eine unglückliche Liebe mit dem selben Vokabular erzählt wird wie über ein verschüttetes Bier, und wenn die Trauer und das Selbstmitleid in einem aufsteigen “wie ein riesiges rotes Aufblasgummitier”, dann darf man dem Ich-Erzähler Lárus bestenfalls mangelnde Reife unterstellen. Aber das weiß er selbst ja auch.

Andererseits: Es gibt Unangenehmeres als Menschen, die Bücher von Ralf Rothmann lesen und permanent Morrissey hören (zum Beispiel Menschen, die eben das gerade nicht tun), und es gibt weitaus Schlimmeres als einen Roman zu lesen, der bevölkert ist von solchen Menschen. Zuhause ist die überwiegend geglückte Fortschreibung der Pop-Literatur der neunziger Jahre mit literarischen Mitteln. Das Ergebnis ist ein ziemlich rund laufender Roman, der so unterhaltsam ist, wie er es auch sein darf. Das macht ihn zu etwas Besonderem, das macht ihn aber auch angreifbar. In jedem Fall aber ist es mehr, als sich über den Einheitsbrei, der uns aus Richtung Leipzig sonst serviert wird, sagen lässt.

Kristof Magnussons Roman beschreibt ein Lebensgefühl der Verlorenheit, das beinahe schon einem pubertären Schmerz nahe kommt: In der Weihnachtsnacht gehen Lárus Zeilen aus “I know it’s over” von den Smiths durch den Kopf: “If you’re so clever, then why are you on your own tonight? Because tonight is just like any other night.” Wie der Song weiter geht, verrät Magnusson nicht, nämlich so: “Love is natural and real, but not for such as you and I, my love”, und: “It’s so easy to love, it’s so easy to hate, it takes strength to be gentle and kind.” Das ist nicht unbedingt neu und als Fazit von gut 300 Seiten auch nicht viel. Aber mit Lárus Lúdvígson den Weg bis zu diesem Erkenntnisstand mitzugehen, hat Spaß gemacht.

Christoph Schröder

Neue Zürcher Zeitung vom 21.12.2005:

„Vögel in Städten”

“Zuhause” – Kristof Magnussons isländische Heimatsuche

Amsterdam, Paris und Berlin sind nicht mehr angesagt. Wer der Suggestion erliegen möchte, es gebe im westlichen Europa noch wirklich Überraschendes zu erleben, der macht sich nach Island auf, genauer: nach Reykjavik, wo das Szeneleben, sagt man, pulsiert und der verwunschene Norden sich scheu auf die allumfassenden Globalisierungstendenzen einlässt. Spätestens seit Hallgrímur Helgasons (von Baltasar Kormákur verfilmtem) Roman “101 Reykjavik”, der sofort mit dem “Kult”-Etikett versehen wurde, gilt die isländische Hauptstadt als Ort der langen Nächte und zieht unkonventionelle Touristen magnetisch an. Im Übergangsstadium Kristof Magnusson, Jahrgang 1976, kennt Land und Leute aus seiner Zeit als Student in Reykjavik und hat diese Erfahrungen für seinen originellen Débutroman genutzt. “Zuhause” setzt in der Vorweihnachtszeit ein: Lárus, gebürtiger Isländer und im Hamburger Raum aufgewachsen, kehrt zurück nach Reykjavik, um die Festtage mit seinen Freunden Milan, Matilda und Svend zu verbringen. Was als wohltuende Rückkehr in die gemeinsame Jugend geplant war, erweist sich als Fiasko: Matilda trennt sich von Svend, und auch Lárus muss mit der Enttäuschung fertig werden, dass Milan ihm den Laufpass gibt. Überhaupt: An Katastrophen und Debakeln, an Schlägereien, Feuersbrünsten und aus den Angeln gehobenen Türen mangelt es in diesem Buch nicht. Vom Trennungsschmerz angefeuert, stürzen sich Lárus und Matilda ins Reykjaviker Nachtleben, “diese kollektive Auflehnung gegen den Winter, die Dunkelheit, Langeweile, Pizzabringdienste, Chat-Rooms und Pay-TV”. Der in eigenwilligen Mixturen gereichte Alkohol fliesst in Strömen; Popsongs dienen als Erkennungszeichen, und irgendwie befinden sich alle diese Mitt- und Endzwanziger, die da durch die Strassen und Bars ziehen, in einem Übergangsstadium. Zu den Erwachsenen, den “fertigen Menschen”, wollen sie partout nicht gehören, und auch bei der Ankunft in der Arbeitswelt stellen sich erhebliche Verspätungen ein. Matilda ist es leid, die immergleichen Touristen zu den immergleichen Geysiren zu führen, und Lárus’ Tätigkeit als Tierfilmer im Stil des “meditativen Realismus” wird eher behauptet denn ausgeübt. “Zuhause” spiegelt dieses Lebensgefühl wider, ohne triefende Sentimentalität auf der einen und ohne den Zynismus, dass der Welt allein mit Abgeklärtheit beizukommen sei, auf der anderen Seite. Natürlich ahnt Lárus, dass “Weihnachten” und “Zuhause” Begriffskonstruktionen sind, denen man sich nicht mehr blindlings hingeben kann. Doch während frühere, sich ungemein aufgeklärt fühlende Autorengenerationen daraus folgerten, dass die menschliche Psyche in der (Post-) Moderne ohne diese Ankerplätze auszukommen habe, versucht Kristof Magnusson diese ideologischen Barrieren zu überwinden. Zu den Familienmenschen wird sein Erzähler nicht gehören, doch es bleibt die Sehnsucht danach, die Einsamkeit zu überwinden: “Man sieht oft Vögel in Städten und hat das Gefühl, dass sie da hingehören und irgendwie auch nicht.”

Stilistische Sicherheit

Kristof Magnussons feines Début lebt natürlich von der Atmosphäre Islands, das auf der Wetterkarte wie eine “verunglückte Laubsägearbeit” aussieht. An Klischees über diese Insel der Elfen und Sagen mangelt es nicht, und “Zuhause” geht spielerisch mit ihnen um, ironisiert und demontiert sie zuweilen. Zur heimlichen Hauptfigur dieser dialogsicheren, schnellen Prosa wird Lárus’ Schulkamerad Dagur, Sohn des schwerreichen Kjartan Benediktsson, der mit seinen vielfältigen Geschäften die Insel kontrolliert. Stolz beruft sich die Familie auf die isländische Literatur des Mittelalters, insbesondere auf Snorri Sturlusons Saga über Egill Skallagrímsson, als dessen Nachfahr sich Kjartan sieht: “Wir haben aus Literatur Macht gemacht.” Dagur kann damit nichts anfangen, schliesst sich den Globalisierungsgegnern “attac” an und müht sich redlich, die Familienlegenden zu zerstören. In einem gewitzten, spannungsreichen Finale geraten die familiären Konstellationen durcheinander, und eine alte Handschrift scheint zu belegen, dass die berühmten Ahnen möglicherweise nur in der Phantasie des Dichters Snorri existierten. Das alles erzählt Magnusson, Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, mit grosser stilistischer Sicherheit. Gelegentliche Ausrutscher, wenn “steriles Neonlicht” wieder einmal dafür herhalten muss, Grossstadtkälte anzuzeigen, oder sich ein Tresen in die “Unendlichkeit” erstreckt, sind verzeihlich. So stellt sich am Ende das schöne Gefühl ein, einen vielversprechenden Erstling gelesen zu haben. Und das Verlangen, in den nächsten Ferien vielleicht doch zu den sagenhaften Elfen nach Reykjavik aufzubrechen.

Rainer Moritz

Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 2.10.2005:

„Einbeinig auf dem Eis”

Nach drei erfolgreichen Dramen legt Kristof Magnusson seinen ersten Roman vor

Kristof Magnussons “Zuhause-Orte” sind seine Heimatstadt Hamburg, Reykjavik, wo er als Kind seine Ferien verbrachte, und Berlin, wo in einem WG-Zimmer seine Sachen stehen. Doch das Studium führte ihn nach Leipzig, der Zivildienst in ein New Yorker Obdachlosenheim und Aufenthaltsstipendien an verschiedenste Orte in ganz Europa. Zurzeit wohnt er in der Künstlerwohnung der Lydia-Eymann- Stiftung in Langenthal. Zwei Fixpunkte auf seiner Odyssee sind die Liebe zur Barockmusik und das Schreiben. Lange bevor Magnusson am Literaturinstitut Leipzig das Schreiben zum Beruf machte, verfasste er Artikel und Kurzprosa und übersetzte Texte aus dem Isländischen. Inzwischen sind in Deutschland drei Stücke von ihm zur Aufführung gekommen. Seine Komödie “Männerhort” avancierte am Schauspiel Bonn zum Kultstück, wurde dreimal wieder aufgenommen und hat im November am “Theater am Kurfürstendamm” Premiere. Magnusson, der Frischs Frage “Haben Sie auch Humor, wenn Sie allein sind?” unbedingt mit Ja beantworten würde, kommentiert schmunzelnd seinen Erfolg: Seine Stücke seien bloss am angelsächsischen Modell des “well- made play” orientierte Bastelarbeit, die Anwendung einer eingeübten literarischen Form. Damit hat er kein Problem, denn seine Ausbildung in Kirchenmusik hat ihn gelehrt, Form und Lebendigkeit nicht gegeneinander auszuspielen: “Wenn man sich mit Bach auseinandersetzt, versteht man, dass eine enge und erkennbare Form wie eine Fuge eine Komposition keinesfalls leblos wirken lässt.” Nun hat er einen Roman geschrieben über “Introspektion, Sonnenuntergänge, Messerstechereien und anderes, was auf der Bühne nicht funktioniert”. Nicht so recht funktionieren wollen auch die Weihnachtsferien in Reykjavik, auf die sich der Hamburger Dokumentarfilmer Lárus so gefreut hat. Erstens hat ihn sein Freund verlassen. Zweitens erfährt er kurz nach seiner Ankunft, dass er im isländischen Einwohnerregister als tot eingetragen ist. Und dann verschweigt ihm seine Freundin “aus den Kinder- und Lebertranpillentagen” auch noch, dass sie sich von ihrem Partner getrennt und mit dem Umzug in eine anarchistische WG ihren Lebensstil radikal verändert hat. Vor dem Hintergrund gegenseitiger Entfremdung geht noch mehr schief: Lárus wird von einem eifersüchtigen französischen DJ überfallen und beginnt eine Affäre mit Dagur, einem ehemaligen Schulkollegen, der sich in antikapitalistischen Aktionen von seiner reichen Familie abzugrenzen und dieser zu schaden versucht. Dagur konfrontiert Lárus mit verwirrenden Tatsachen über seine eigene Herkunft und bringt dessen lang bewährte Verdrängungsstrategie ins Wanken. Doch bevor der Filmer mit seiner Geschichte ins Reine kommen kann, gehen noch zahlreiche Scheiben, Knochen und Illusionen in die Brüche. Magnusson zeichnet ein faszinierendes Porträt seiner eigenen Generation in Europa. Seine Figuren sind um die dreissig, rastlos und immer überall ein bisschen fremd. Sie tun sich schwer, in der Vielzahl möglicher Lebensentwürfe, Wohn- und Beziehungsformen ein “Zuhause” zu finden. Sie sind nicht sicher, ob es besser ist, allein oder in einer WG zu wohnen, Gefühle zu verdrängen oder auszuleben, sich bedingungslos auf eine Beziehung einzulassen oder sich mit einem beliebigen Partner zusammenzuraufen, um sich früher oder später sowieso wieder zu trennen. In “Zuhause”, mit dem Magnusson nach Klagenfurt eingeladen wurde, entpuppt sich der erfolgreiche Verfasser von lebendigen Dialogen und komischen Situationen auch als begnadeter Beobachter. Präzis und in einem offensichtlich vom skurrilen isländischen Humor gefärbten Stil erfasst er die komplexen psychologischen Prozesse von Anziehung, Entfremdung und Trennung. Mit derselben Aufmerksamkeit, die er den Gefühlsprozessen und Beziehungsmustern seiner Figuren widmet, beobachtet und beschreibt der neunundzwanzigjährige Autor Orte und Stimmungen: Die kühl-distanzierte, immer leicht einsam anmutende Urbanität Reykjaviks, die populären Ausgehlokale und Musikvorlieben seiner widerspenstigen Generation, die raue Landschaft, die kurzen Tage und die abgründige Sagenwelt Islands. Neugierig und skeptisch gegenüber einem allzu sicheren Zuhause-Gefühl an einem Ort, in einer Beziehung oder einem Lebensentwurf hält Magnusson Ausschau nach den Kleinigkeiten, die einen vorerst bekannt wirkenden Ort oder eine für vertraut gehaltene Person fremd werden lassen. Dieses Grundgefühl des Fremdseins verbindet ihn und seine Figuren mit der Gans, die Lárus in der Reykjaviker Bucht beobachtet: “Eine einzige Graugans stand aufgeplustert wie ein Türsteher mitten auf der gefrorenen Fläche, auf einem Bein, obwohl sie mit den anderen Graugänsen bequem auf dem wärmeren Asphalt hätte stehen können, auf beiden Beinen.”

Simone von Büren

Kultur SPIEGEL vom 26.9.2005:

“Eine ideale Familie“

Der junge Autor Kristof Magnusson erzählt von isländischen Wahlverwandtschaften.

Zwei Engländer sprechen in der Regel zuerst vom Wetter. Deutsche reden gern über Zugverspätungen. Isländer dagegen versuchen erst einmal zu klären, wie sie miteinander verwandt sind. Wie, nicht ob. Am Ende nämlich stammen alle 300000 Einwohner von Egill Skallagrímsson ab, der um das Jahr 950 lebte. Für Kristof Magnusson, 29, ist das einer der Gründe, warum er spätestens nach drei Monaten das Gefühl hat, dringend wieder “raus” zu müssen aus Island. Denn für Magnusson ist die traditionelle Kernfamilie nicht das Modell der Zukunft. In seinem Debütroman “Zuhause” plädiert er für die “Familie der Wahlverwandtschaften”. Natürlich kommt man auch dort nicht ohne Blessuren heraus, und die Verbände, Krücken und Gipse, die sein Held Lárus im Verlauf der Geschichte tragen muss, sind dafür eine schöne Metapher. Der Roman beginnt an einem schneeregnerischen Dezember-Tag. Lárus fliegt von Hamburg aus nach Reykjavík, um mit seinem Freund Milan, seiner Jugendfreundin Matilda und deren Lebensgefährten ein unkompliziertes Weihnachtsfest zu feiern. Nur stimmt an dieser idealen Konstruktion nichts: Milan hat ihn gerade verlassen, Matilda und Svend haben sich getrennt, und Lárus muss sich eingestehen, dass sein heiteres Leben vor allem auf Verdrängung fußt.Wie sein Held ist Magnusson mit einem isländischen Vater in Hamburg aufgewachsen. Er schreibt auf Deutsch, lebt in Berlin und Reykjavík und übersetzt Kollegen wie Einar Kárason. Seinem Stil ist die Verbindung zur isländischen Gegenwartsliteratur deutlich anzumerken. “Zuhause” ist schneller, härter und pointenfreudiger als die allermeisten deutschen Debüts und profitiert von den poetischen Möglichkeiten eines Landes, in dem man “Träume” in Form von Schokoladenriegeln kaufen kann.

Silja Ukena

Brigitte, im Oktober 2005:

“Zuhause“

Zuhause ist für Larus die isländische Hauptstadt Reykjavik, auch wenn er längst in Hamburg lebt. Aber einmal im Jahr, zu Weihnachten, fährt er heim nach Reykjavik, zu Matilda, und eigentlich ist Matilda noch viel mehr sein Zuhause. Als Kinder dachten Matilda und Larus, dass sie mal heiraten würden, aber dann haben sie sich immer in andere Leute verliebt, die kamen und gingen, aber sie beide sind sich geblieben, auch jetzt noch, mit 30. Doch dieses Jahr ist alles irgendwie anders. Matilda findet, dass sie sich verändern müsse, und ist darum in eine Land-WG gezogen, und dort lernt Larus einen Jungen namens Dagur kennen, und eine wilde Geschichte um Familiengeheimnisse und die Sehnsucht nach Liebe nimmt ihren Lauf. So leicht das alles hingeschrieben ist und so oft man auch lacht beim Lesen, bleibt doch ein Gefühl von Alleinsein, von Eben-nicht-zu-Hause-Sein, das einen ein bisschen elend macht. Nicht zu sehr, vielleicht so, wie ein Kater nach einer durchsoffenen Nacht in Reykjaviks Bars sich anfühlen muss. Aber erst durch dieses Kater-Gefühl geht einem “Zuhause” wirklich zu Herzen.

Stefanie Hentschel

STERN vom 17.11.2005:

“Zuhause“

Island ist grau, “nett” (was häufig nichts anderes als öde meint), und die Welt kann dort schnell aus den Fugen geraten. Aber das alles wird heimelig und humorvoll erzählt – unbedingt lesen, wenn´s Weihnachten mal wieder nach Hause geht.

Andrea Ritter

Tagesspiegel vom 9.10.2005:

„to go Heimat”

In Island wird es jetzt wieder kalt und dunkel. “Zuhause ist hier eine Extremsituation”, sagt Kristof Magnusson. Darüber hat er einen Roman geschrieben.

Vielleicht ist Kristof Magnusson erwachsen geworden, als er sich vor zwei Jahren, da war er 28, ein Kunstwerk für sein Zimmer kaufte. “Mein Kunstwerk” sagt er jetzt, er liebt es, es beherrscht eine Wand und gibt seinem Neuköllner WG-Zimmer eine andere Dimension. “Kunst kaufen, nicht über die Miete nachdenken, das wird schon wieder”, dachte er, und dass das jetzt eine ziemlich erwachsene Sache sei. Etwas Bleibendes.

Bleiben. Ein Zuhause ist dauerhaft. Wenn er es auch nicht täglich bewohnt, dann hat er wenigstens ein Basislager, das er Zuhause nennt, sagt Kristof Magnusson. In Berlin ist sein Basislager eine Zweier-WG, wo Dinge stattfinden, die woanders niemals passieren würden. Kristof Magnusson ist Schriftsteller, er hat nach mehreren Komödien gerade seinen ersten Roman namens “Zuhause” veröffentlicht (Kunstmann Verlag) und jetzt kocht er einen Tee. Der Roman handelt von zwei Paaren, die sich auf Island, dem Ort ihrer Kindheit, zu Weihnachten treffen wollen. Nur, dass die Hälfte gar nicht auftaucht, da die Liebe nicht hielt. Es gerät alles aus den Fugen, lange ist nicht klar, wer jetzt erwachsen ist und wer nur so tut. Heimat als Ort der Schmach, die Familie als Zelle des Terrors, und die besten Freunde werden plötzlich zu Gegenspielern, die sich vom Leben erhoffen, was sie vorher verflucht haben.

Làrus, die Hauptperson, wird mehrmals lädiert in dem Buch und zieht sich immer mal wieder in seine Bude in Reykjavik zurück, in der nur ein Deckenfluter, ein Obststillleben und zwei Sitzgelegenheiten auf ihn warten. Irgendwann taucht die Frage auf, ob “Zuhause nicht sowieso ein Konstrukt sei, genau wie freier Wille und Geschlechter.”

Wie lebt einer, der seinen Roman “Zuhause” nennt?

Leben. Magnusson, der in Hamburg aufwuchs, aber wegen seines isländischen Vaters viel Zeit auf der Insel verbrachte, wohnt mit dem Schriftsteller Tobias Hülswitt zusammen. Mit den Nachbarn im Haus haben die beiden ein kleines Dorf gebildet, elektronisch gesehen: eine Etage, Internet ohne Schnur, eine Flatrate. Freunde in der Stadt sind auch noch wichtig, damit das Zuhause seinen Namen verdient, sagt Kristof, der kompakt in seiner blauen Küche steht. Manchmal sitzen die beiden Schreiber in ihren Zimmern und schicken sich Mails. Und weil man in einer WG ständig kommunizieren muss, sich ankündigen und gegenseitig warnen, vor einem selbst und vor anderen, hat Kristof eines Nachts noch schnell “Bin, ähm, nicht allein …” auf einen Zettel in der Küche gekritzelt. “Niemand sollte alleine wandern gehen”, hatte Hülswitt darunter geantwortet.

Allein. Nach seiner Zeit bei den Eltern in Hamburg, in der er das Abitur machte und eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, wollte Kristof endlich alleine wohnen. Er machte seinen Zivildienst in New York, und seine erste eigene Bude war ein Zimmer am Times Square. Tisch, Stuhl, Schrank, Kochplatte, Klo auf der Etage. Er hat sich nie gefürchtet, vor dem Alleinsein, im Gegenteil, er fand es wild und romantisch. “Ich dachte, ich bin Paul Auster.” Und noch während er das dachte, veränderte er sich. Alleine, sagt Kristof, findet man sich nicht mehr damit ab, dass man immer alles suchen muss. Folglich wurde er ordentlicher und das Zuhause bedeutete nun auch, eine eigene Ordnung zu haben. Es war einfach niemand mehr da, auf den er die Unordnung hätte schieben können. Er machte sich Dosensuppen, Bohnen und Hacksteak auf der elektrischen Kochplatte und befand, es gebe damit “alle Zutaten für eine bohemienhafte Großstadtromantik”.

Großstadt. Tagsüber ging Kristof in die jüdische Obdachlosenunterkunft zu denen, die die Stadt nur duldete, und wärmte ihnen koscheres Fertigessen auf. Er besuchte mit den Unbehausten die Ämter und versuchte, auch ihnen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Er hat gelernt, woran man die erkennt, die keines haben. Die Kleidung, auch wenn sie noch gut ist, sieht oft nach Kleiderkammer aus, sagt er. Aber es sind vor allem die Gesten, mit denen sie das behandeln, was sie dabeihaben. Mit unverhältnismäßiger Sorgfalt gehen sie mit dem um, was doch nur nach räudigen Tüten aussieht. Bewusst gruppieren sie ihre Habseligkeiten um sich herum. Alles muss seinen Platz haben, und wenn der nur bei McDonald’s stattfindet. “Sie projizieren das Zuhause an einen öffentlichen Ort.” Einer war dabei, der hatte 20 Jahre in einem Auto gelebt, bis er plötzlich 72 war und doch lieber eine Wohnung wollte.

Wohnung. Kristof stellt die geblümten Tellerchen seiner Oma und Lindt-Pralinen von Edeka auf den Tisch. Er hat die Küche geputzt. War mal Zeit, fand der Mitbewohner. Berlin, sagt Kristof, ist kein Zuhause, aber Neukölln und Kreuzberg schon. Es ist auch erkennbar an dem spezifischen Geruch des ägyptischen Kulturvereins im Treppenhaus, wo immer stundenlang die Kichererbsen kochen. Das riecht nicht gut, findet er, aber doch nach Daheim. “Zuhause ist immer positiv besetzt”, sagt Kristof. Anders als zum Beispiel Heimat. Zuhause gibt es mehrere in einem Leben, Heimat nur einmal. Damit eine Heimat eine Heimat ist, müssten dort mehrere verschiedene Lebensphasen stattgefunden haben. Zuhause ist weniger als Heimat und mehr als eine Wohnung. Kristof war von Anfang an klar, dass sein erster Roman “Zuhause” heißen sollte. Und er spielt in Island, wo Kristof viel Zeit verbracht hat. “In Island ist das Zuhause eine Extremsituation”, sagt er, denn weil die Tage so dunkel werden und die Temperaturen schnell fallen, verbrächten die Isländer viel Zeit in ihren Häusern. Häuser sind dort hell erleuchtet und wichtig und oft fast so groß, wie das Grundstück, auf dem sie stehen. “Garten findet nicht statt”, sagt Kristof und grinst. “Aber paradoxerweise führte das Schreiben eines Romans mit dem Namen ,Zuhause’ dazu, dass sich mein eigenes Zuhause auflöst.”

Schreiben. Das Zuhause eines Schriftstellers ist schwer zu definieren, und es ist nicht zwangsläufig dort, wo er schreibt. Kristof Magnusson studierte sein Handwerk am Literaturinstitut in Leipzig. “Dort gab es zwei Fraktionen. Die, die zugige Wohnungen mit Außenklo malerisch fanden, und die, die in die sanierten Wohnungen gezogen sind.” Kristof dachte, das Schreiben würde ihm leichter fallen in einer sanierten Wohnung mit Blick und Fußbodenheizung, und es war von dort aus, dass Kristof Magnusson die Krähenflugbewegung von ganz Leipzig beobachten konnte, während er sich übte. Das hatte so viel Erfolg, dass er jetzt eigentlich gar nicht mehr zu Hause ist, sondern viel auf Lesereise. Gleichzeitig hat er ein Aufenthaltsstipendium in der Schweiz für ein Jahr, was dazu führt, dass er immer hin- und herreist zwischen Langenthal und Berlin und die Klamotten immer gerade am falschen Ort sind.

Zuhause ist tatsächlich ein Konstrukt, denn es gibt keinen zwingenden Grund, an einem Ort zu sein. Kein Arbeitgeber, der einem neue Städte aufzwingt, sagt Kristof, also sei es gut, einen Grund zu finden, aus dem heraus man sich bewegen kann. “Sonst kommt man nie aus der studentischen-linken WG-Schriftstellerei heraus.” Und deshalb genießt er es, zur Literaturproduktion in abgeschiedene Dörfer verschickt zu werden, wo andere Menschen in engeren Beziehungen leben. Und wenn Berlin Zuhause ist, dann kann er zu Hause nicht arbeiten. “In Berlin gehe ich ins Fitnessstudio, treffe Leute, gebe Geld aus und verdaddele die Tage.” In der Schweiz arbeitet er und kocht jeden Abend selbst.

Nur das evangelische Gesangbuch nimmt er immer mit. Hymnologie war ein Unterrichtsfach in seiner Ausbildung, und Kirchenmusik ist die Musik, die sich am meisten nach der Sprache richtet, dem liturgischen Inhalt. Das Buch ist Poesie, sagt er. Auch eine Art Zuhause. Es liegt neben seinem Bett, da, wo auch die Schokolade liegt. “Ich habe so wenige und so leichte, zusammenklappbare Möbel, dass ich innerhalb von drei Stunden verschwinden kann”, sagt Kristof. Ohne Spuren zu hinterlassen. Er würde nicht lange brauchen, um die Mozartbüste einzupacken, das Metronom, das Schlafsofa und den Ledersessel der Tante, deren Mann Holzhändler war und auf seiner Suche nach tropischen Hölzern an Malaria starb. Zu Hause stehen nur die Dinge, die jemand aus dem ganzen Wust der Welt für wichtig hält. Auf zwei Sitzkissen steht “Kultur”.

Deike Diening

NEON vom Oktober 2005:

“Text folgt demnächst“

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Siegessäule vom 26.08.2005:

“Meine Finger sind noch alle dran“

Beim Literaturwettbewerb Klagenfurt bekam er nur das Prädikat “Sehr unterhaltsam”, doch das Publikum liebt ihn: Mit “Zuhause” hat Theaterautor Kristof Magnusson einen großartigen Islandroman vorgelegt

Als Lárus, der Tierfilmer, in Island ankommt, weiß er schon, dass Weihnachten dieses Jahr nicht schön wird. Er hat nichts gegen Weihnachten, aber Weihnachten hat wohl etwas gegen ihn. Milan, sein Freund, ist weg, aber das sagt er keinem. Svend, der Freund seiner besten Freundin Matilda, ist auch weg, das sagt sie ihm aber sofort, noch am Flughafen. Mist! Dabei sollte alles so schön werden: zwei Paare, ein Fest, eine glückliche, selbst gebastelte Familie. Aber so kommt es nicht. Dafür passieren in “Zuhause”, so der Romantitel, andere Dinge: Lárus kann keine Videos ausleihen, weil er offiziell tot ist, ein Haus brennt ab und Lárus verknallt sich in dessen Bewohner, Dagur. Der ist der jüngste Spross von Islands einflussreichster Familie und tut als Globalisierungsgegner alles, um das Erbe seiner Vorväter zu beschädigen. Zum Beispiel begeht er Selbstmord, zehn Tage nachdem die beiden sich kennen gelernt haben: Dagur rast mit seinem Landrover mitten in ein Schnellrestaurant. Gerade noch so springt Lárus aus dem Wagen und bricht sich dabei ein Bein. Deswegen fällt er bei Dagurs Beerdigung auch in dessen Grab – und das, ohne eingeladen zu sein! Zum “engsten Familienkreis” gehört er zwar, aber das hat ihm keiner gesagt, und er braucht noch eine Weile, um es selbst herauszufinden. Dabei verliert er einen Finger.

Wie kommt man auf so was? “Ich schreibe über Dinge, die ich kenne, wie Island”, sagt der Autor, “aber autobiografisch ist das nicht. Meine Finger sind noch alle dran.” Kristof Magnusson ist Absolvent des Leipziger Literaturinstitutes und für Theatergänger längst kein Unbekannter mehr. Mit “Männerhort” und “Der totale Kick” hat er zwei der meistgespielten deutschen Stücke der letzten Jahre geschrieben. “Ich wollte den Roman jetzt auch schreiben, weil ich mal was machen wollte, wo mir keiner reinredet. Kein Regisseur, kein Intendant, keine Kompromisse.”

“Zuhause” ist zarte Liebesgeschichte, üppiger Familienroman und genau beobachtetes Islandbuch zu gleichen Teilen. Die ersten 50 Seiten ist der Leser damit beschäftigt, dabei zuzusehen, wie ein Gedankengebäude von gewagten Ausmaßen und großer Schönheit entworfen wird. Und denkt: Das kriegt der nicht gebaut, wetten? Doch diese Wette verliert man wunderbarerweise haushoch. Dazu kommen geschliffene Dialoge, blutwarme Figuren und ein Island, das man so noch nie gesehen hat. Nix Elfen, nix Björk und kein einziger Geysir. Ein großes Lesevergnügen.

Das sehen nicht alle so. Beim Klagenfurter Literaturwettbewerb fand Iris Radisch den von Magnusson gelesenen Auszug “sehr unterhaltsam”. Das ist aus dem Mund der deutschen Literaturäbtissin eine Beleidigung. Das Publikum jedoch war begeistert. “Und ich war ganz zufrieden”, meint Kristof Magnusson, “schließlich war mein Text ja fast der einzige, um den es in diesem Jahr überhaupt so etwas wie eine Debatte gab. Und wenn ,Zuhause’ jetzt einigen Leuten nicht gefällt, die für gewöhnlich zum Lachen in den Keller gehen, kann ich damit gut leben.”

Paul Schulz

taz vom 29.10.2005:

“Offen für Differenzen

Großstadtroman, Roman einer schwierigen Freundschaft, isländische Familiensaga: Kristof Magnussons abwechslungsreich erzählter Debütroman “Zuhause”

Das Wenige, was wir über Island wissen, verdanken wir also Matilda. Matilda hat bis vor kurzem für das isländische Fremdenverkehrsamt Journalisten über die Insel geführt – und ihr Sandkastenfreund Lárus behauptet, sie sei eine Art “wandernder Expo-Pavillon”, weil sie all das ausstellt, was man außerhalb der Insel so mit Island in Verbindung bringt. Geysire. Björk. Vulkane. Elfen. Wolfgang Müller.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, hat Matilda ihren Job beim Fremdenverkehrsamt hingeschmissen. Statt ihrer übernimmt es Lárus, uns ein ganz anderes Bild von Island und vor allem von Reykjavík zu präsentieren – keine Elfen und Geysire weit und breit; stattdessen Kneipen und Diskos und Autofahrten über Magistralen und Hochhäuser und Popmusik und Villenviertel und die Weihnachtsbeleuchtung, die über diesem ganzen halb dunklen Winterpanorama leuchtet. Lárus ist der Icherzähler in Kristof Magnussons Debütroman “Zuhause”. Er lebt in Deutschland, seitdem er neun Jahre alt ist – aber seine Kinderfreundschaft zu Matilda hat die ganzen zwanzig Jahre seither unbeschadet überstanden. Beide wollen gemeinsam Weihnachten feiern, und Lárus kommt schon im Advent von Hamburg nach Reykjavík. Auf einmal scheint alles ganz anders als früher zu sein. Matilda arbeitet nicht mehr für das Fremdenverkehrsamt. Sie hat sich von Svend getrennt, den Lárus seinerzeit für sie ausgesucht hatte. Und sie ist in eine Wohngemeinschaft gezogen, sie, deren Wohnung in Reykjavík vielleicht ebenso sehr wie seine eigene, Lárus’ Zuhause, gewesen ist.

“Zuhause”- dieser Romantitel weckt Erwartungen, die der Halbisländer Kristof Magnusson immer wieder bewusst und ein bisschen ironisch enttäuscht. Lárus mag zwar in Reykjavík zu Hause sein – aber mindestens ebenso sehr ist er es inzwischen in Hamburg. Matilda hat soeben ihr altes Zuhause gegen ein neues eingetauscht. Und viele von den anderen Romanfiguren sind überhaupt nicht in Island zu Hause: Jaroslawa aus der Slowakei sucht auf der Insel die Vulkane, die es bei ihr zu Hause nicht gibt; und Raphael, der sich DJ Différance nennt, vermutet bei den Isländern mehr Verständnis für seine experimentelle Musik als bei den Parisern zu Hause.

Und doch – vielleicht macht gerade diese Mischung aus Offenheit und Weltläufigkeit einerseits, und Geschlossenheit und Isolation andererseits Island zu einem perfekten Zuhause. Dass dieses Zuhause für Lárus allerdings zunehmend fremde und befremdliche Züge bekommt, das liegt nicht nur an Matilda. In Hamburg hat sich sein Freund Milan von ihm getrennt, und während Lárus noch versucht, seine Erinnerungen an die gemeinsame Zeit auf zerknickten Busfahrplänen zu notieren, überschlagen sich in Reykjavík die Ereignisse – ein Haus brennt ab, Lárus stellt fest, dass er im Melderegister als verstorben geführt wird, ein Landrover rast in eine Pizza-Hut-Filiale, verschiedene Personen werden handgreiflich, Lárus fällt in ein offenes Grab und knackt zum Schluss einen Tresor.

In diesem Zusammenhang muss man nun über literarische Genres sprechen. Ohne Zweifel ist “Zuhause” der Roman einer gescheiterten Liebe. Es ist aber genauso ein Großstadtroman und der Roman einer schwierigen Freundschaft. Wenn die Geschichte außerdem durchaus auch krimihafte Züge annimmt, dann können all diese Elemente dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Kern eine isländische Familiensaga ist, deren Gehalt sich vor allem in einer einzigen Person konzentriert – in Lárus nämlich.

Über seine Familie hat sich Lárus nie viele Gedanken gemacht. Dass er jetzt damit anfängt, hängt mit seinem ehemaligen Klassenkameraden Dagur zusammen. Dessen einflussreiche Familie führt ihre Genealogie zurück bis auf die altisländische Saga von Egill Skalagrimsson. Von Lárus wegen seines Familienfimmels zunächst belächelt, gelingt es Dagur schließlich doch, diesen selbst damit zu infizieren. Dass Lárus dabei Dinge über seine eigene Familie herausfindet, die bisher unter Verschluss gehalten wurden, mag ein wenig konstruiert sein – dennoch gelingt es Kristof Magnusson nicht zuletzt dank seines abwechslungsreichen Stils, seine Geschichte überzeugend zu Ende zu erzählen.

Der 30-jährige Magnusson ist Absolvent des Leipziger Literaturinstituts. Mit “Männerhort” und “Der totale Kick” hat er zwei der erfolgreichsten deutschen Stücke der letzten Jahre geschrieben – von dieser Erfahrung als Theaterautor profitiert jetzt sein erster Roman: Den witzigen und raschen Dialogen merkt man an, dass sie im Ernstfall auch auf einer Bühne funktionieren würden. Und wenn wir uns am Schluss in Island wie zu Hause fühlen, dann liegt das womöglich auch an diesen guten Gesprächen.

Anne Kraume